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viva la integración
In der gegenwärtigen Horrorschul-Panikdebatte zeichnet sich wieder einmal ab, dass man in Deutschland keine vernünftige Einwanderungs- und Integrationspolitik machen kann, weil immer wieder dieselben Kasper aus ihren Kisten springen und immer mit denselben nationalistischen Rezepten kommen: Draufhauen, einsperren, abschieben, Klappe zu, Deckel drauf, und eingebürgert wird am Besten niemand, oder zumindest nur, wer sich reibungslos in einen schwäbischen Kleinstadtstammtisch eingliedern lässt. Unterdessen entvölkert und entbürgerlicht sich das Land immer weiter und zum Schluss sind das dann auch wieder die Linken gewesen. Ulrich Beck, der große Soziologe der 1980er, hat in seinem DLF-Interview zum Thema nicht nur mal wieder den Wirklichkeitsverlust der deutschen Politik konstatiert, sondern völlig zu Recht verständnislos vor einem Schäuble gestanden, der das Ende der Toleranz verkündet. Damit ist der gute Wolfgang nicht nur auf einer Ebene mit der NPD-Wahlwerbung, sondern hat gleichzeitig auch noch völligen Blödsinn verkündet und das in Deutschland beliebte Hirngespinst weitergesponnen, Toleranz sei so etwas Ähnliches wie sich von jedem auf der Nase herumtanzen zu lassen und deswegen eigentlich verwerflich.
Selbiger Schäuble hat sich auch folgendermaßen geäußert:
Wer Deutscher werden will, muss die deutsche Vergangenheit als seine nationale Vergangenheit mit übernehmen. [...] Auch die, die nach 1945 geboren sind, haben als nationale Identität die Verantwortung für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das gilt auch für die, die sich integrieren wollen.
Ich will jetzt gar nicht spekulieren, ob der damit allen Ernstes den ZuwandererInnen ex post eine Mitschuld am Holocaust aufladen will. Ich hoffe nicht. Denn so funktioniert das mit der kollektiven Verantwortung nicht.
Deutschland ist ein seit 1866 kontinuierlich existierendes Völkerrechtssubjekt (wobei der Status zwischen Kapitulation und BRD-Gründung nicht ganz klar ist, sei's drum) und mit einigem Recht auch Nachlassverwalter von Deutschem Bund und HRR (einer von mehreren, wohlgemerkt). Deutschland als Staat ist verdammt nochmal für alles verantwortlich, was es in den letzten 140 Jahren angestellt hat und zumindest symbolisch auch noch für einiges, was davor war. Das Pflichtenpaket eines deutschen Staatsbürgers schließt nicht nur ein paar selbstverständliche moralische Grundsätze ein, z.B., dass man ein Verbrechen von historischem Ausmaß nicht gut zu finden hat, sondern auch Grundbestände geschichtlicher Kenntnis und Verantwortlichkeit für die Pflege dieses Bewusstseins. Das ist aber etwas völlig anderes als Verantwortung für das Verbrechen selbst zu übernehmen.
Dass sich jemand hinstellt und behauptet, deutsch-iranische Ärzte und deutsch-türkische Fließbandarbeiter müssten mit ihrer Einbürgerung den Holocaust auf sich nehmen, geht mit der Verantwortung für ein Verbrechen, sprich: mit Schuld, um wie mit einem beliebig verteilbaren Kuchen, und entleert den Schuldbegriff damit letztlich. Schuld tragen die, die gemordet haben und alles, was und wer ihnen dabei geholfen hat: ihre Mittäter, ihre Mitläufer, ihre Organisationen und Institutionen und ihr Staat, der es ermöglicht hat. Aber nicht alle Deutschen. Deutsch ist, wer rechtmäßig einen deutschen Pass führt, und dass ein Pass mit dem Wort "deutsch" drin automatisch an einem Verbrechen mitschuldig machte, wäre ja reichlich seltsam. Dass mein Opa ein Nazi war und der des iranischen HNO-Arztes nicht, ändert sich nicht dadurch, dass er vielleicht morgen Deutscher wird und ich übermorgen Brite. Die Bürger eines Staates sind nicht die in Höhe ihrer Einlage haftenden Anteilseigner an einem Schuldkapital.
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