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Das überarbeitete Tagebuch einer Reise von Moskau nach Peking und zurück über Irkutsk und Ulaan Baatar (19. Juli - 16. August 2005).

19.7. - 1. Tag - Düsseldorf - 8.30 MESZ

Nach einem Tag bei Jeannettes Verwandten und Bekannten sind wir heute gegen halb sieben aufgebrochen und haben unsere sorgsam mit Packband gesicherten Trekkingrucksäcke einer kaum Vertrauen erweckenden Maschinerie übergeben. Das Café, in dem wir unserer Meldezeit bei der Sicherheitskontrolle entgegenwarten, heißt lustigerweise genauso "Leonardo" wie die Cafeteria im Marburger Hörsaalgebäude.
Felix, der, was Marburg angeht, schon länger einen unwahrscheinlichen Lagerkoller schiebt, fand das nicht so toll.
Auf dem Rollfeld war schon eine Germania-Express-Maschine zu sehen. Vielleicht unsere? Mich plagt die Sorge, ob und in welchem Zustand mein Gepäck nachher in Moskau ankommen wird. Immerhin ist dies der erste Linienflug meines Lebens. Ich bin gespannt.
Ansonsten filmt Felix fleißig und ich habe zum ersten Mal seit ca. 6 Jahren eine Kamera (die ich gestern morgen noch weniger als eine Stunde vor Abfahrt umgetauscht habe, weil der Zoomschalter kaputt war) und fotografiere auch das eine oder andere.

19.7. - 1. Tag - an Bord Germania/dba 3814 - 11.00 MESZ

Nach einem etwas holprigen Start befindet sich unsere etwas betagte Fokker 100 irgendwo hinter Braunschweig. Ich lese die ersten Seiten von Habermas' "Theorie des kommunikativen Handelns" und fühle mich auf ca. 10 km Höhe und bei einer Reisegeschwindigkeit von knapp 725 km/h erstaunlich wohl. Schade, dass Fliegen so etwas Alltägliches ist; niemand interessiert sich dafür, wie toll es sich eigentlich anfühlt.
Übrigens ist uns am Gate C33 schon die erste ultra-aufgetakelte Russin begegnet. Wenn das stimmt, was man vom sibirischen Sommer so lesen darf, wird das eher noch heftiger. Warum Frauen sich derartig zur Schau stellen, und Frauen, die sich das "nicht trauen", sogar neidisch sind auf jene, die es tun, werde ich wohl nie verstehen, trotz aller bisher dazu gemachter Versuche.

19.7 - 1. Tag - Moskau (altes Arbatviertel) - 21.30 MESZ+2

Wir sind in Moskau bei einer überaus netten [dachte ich da noch!] Rentnerin einquartiert, die bei der Metrostation Pionerskaya eine mit Tresorbolzen gesicherte Wohnung im Plattenbau bewohnt. Auch Metrotickets hat sie uns einzukaufen geholfen. Damit wurde dann in die City gegondelt, und nach Besichtigung und ausgiebigem Fotografieren von Goldkuppeln und Zarendenkmälern haben wir hier auf dem Arbat unser erstes russisches Essen und Bier zu uns genommen. Ich verstehe mehr von der Speisekarte, als ich je anzunehmen gewagt hätte, vor allem die Wörter "салат" ["salat"] und "картофел" ["kartofel"]. Dass man die Beilagen getrennt bestellen muss, war uns allerdings nicht klar.
Meine Nervosität ist fast ganz von mir abgefallen; die Paranoia meiner Begleiter, als uns zwei merkwürdige Jungs zu folgen schienen, konnte ich nicht teilen. Für morgen haben wir volles Programm: Ich bin Felix unheimlich dankbar für seine Wahnsinnsarbeit bei der Planung.

20.7. - 2. Tag - Moskau - 18.20 MESZ+2

Heute haben wir an einem Tag mehr orthodoxe Kirchen und goldene Abendmahlsgeräte gesehen als sonst in zehn Jahren - oder in einem ganzen Leben. Wir haben die Kreml-Tour mit Rüstkammer und sämtlichen Kathedralen innerhalb weniger Stunden absolviert.
Der Vorabend war ereignisreich gewesen. Nach einem glücklicherweise gleich bemerkten Verfahrer mit der Metro [meine Schuld übrigens] haben wir noch einen Absacker im etwas halbseiden wirkenden Entertainment-Centre ["Klub Antilopa", im Untergeschoss des Supermarktes] bei der Metrostation Pionerskaya getrunken, und natürlich saßen sturzbetrunkene Russen am Nachbartisch. Einer von ihnen beschädigt das Mobiliar beim Versuch, Jeannette "näher zu kommen" [konkret entfernte er eine Handlaufstange von einer Brüstung, um mit ihr zu demonstrieren, was er mit ihr gerne täte] und musste dann von der Security kaltgestellt werden. Eher unangenehm das alles.
Was haben wir noch unternommen? Bier an der Kremlmauer getrunken, stalinistische Metrostationen bewundert und immer wieder die erstaunliche Ruppigkeit des nicht immer effektiven russischen Personals beobachtet. Auch wenn 10.000 Besucher in einer Kathedrale strömen - alle müssen durch einen einzigen Türflügel rein und raus. Ansonsten ist Russland oder zumindest Moskau äußerst produktiv darin, Stellen zu schaffen, auf denen resolute Matronen mittleren Alters den ganzen Tag nichts anderes tun als starr bis finster zu blicken und Verbote auszusprechen. Beispiele wären die Rolltreppenaufsichten in der Metro oder die Schlangenaufsichten vor der Kasse der Kreml-Rüstkammer. Zwar fühle ich mich nicht gleich bei jeder Unfreundlichkeit persönlich beleidigt, aber ein wenig zu schaffen macht sie mir doch auch.
Im Moment sitzen wir nach dem Essen noch in einem Biergarten nahe der Metrostation Tretyakovskaya und planen den Rest des Abends. Ich habe beschlossen, irgendwann mal ein Buch namens "Schlafen ist Arbeit - Um die Welt mit Steve Farrell" zu schreiben. [Wer Steve Farrell ist und was er so tut, ist eine lange Geschichte, die ich irgendwann vielleicht auch einmal auf einer Zusatzseite ausbreiten werde, sofern sie nicht wirklich gleich ein eigenes Buch verdient.] Ansonsten bin ich fürchterlich müde - - ganz gleich, wie das Abendprogramm aussieht, ich hoffe, dass ich nicht vorzeitig wegschnarche. - Ach so: Kippen kosten hier unverschämt wenig. Die kleinste Schachtel der billigsten Sorte umgerechnet ca. 20 ct! [Das war, bevor wir in der Mongolei waren...] Dafür ist das Bier auf durchaus europäischem Preisniveau. Über Wodka möchte ich hier den Schleier des Schweigens breiten. Der ist so billig, dass man(n) sich über gar nichts mehr wundert.

20.7. - 2. Tag - Quartier - 23.45 MESZ+2

Das schon vorab Befürchtete ist eingetreten und wir haben uns um Trinkgeldhöhen und Serviceerwartungen zu streiten begonnen. Ich glaube, dieses Thema wird uns die nächsten Wochen nicht mehr loslassen. Glücklicherweise sind wir uns alle der Tatsache bewusst, dass richtig Krach anzufangen einen sehr unerquicklichen Verlauf des Restes des Reise bedeuten würde, und so halten wir den Ball alle drei ziemlich flach.
Nach einem bzw. zwei Bierchen ist so auch der zweite Tag zu Ende gegangen. Der борщ [Borschtsch] von vorhin (schmeckt übrigens lecker) hat meinen Urin bisher noch nicht rot gefärbt, und der als Brotsaft deklarierte квас [Kwass] entpuppte sich als eine Art süffige Schwarzbrotlimo. Erstaunlich an Moskau die starke Präsenz Uniformierter verschiedenster Dienste. Mittlerweile habe ich es aufgegeben sie unterscheiden zu wollen. Ob das die Leute sind, die bei Bedarf das rabiate Wegräumen von Obdachlosen erledigen?

21.7. - 3. Tag - Moskau (Erlöserkathedrale) - 14.15 MESZ+2

Wegen meiner kurzen Hose wurde mir gerade der Eintritt in die genannte Kirche verweigert. So nutze ich die Zeit, in der Felix und Jeannette sie besichtigen, um auf den Stufen vor dem Taj-Mahal-ähnlichen Prachtbau ins Reisetagebuch zu schreiben.
Der Tag begann merkwürdig: Sveta versuchte und nach dem Frühstück diverse Sowjetdevotionalien, hauptsächlich Parteidokumente, gegen Dollar zu verkaufen. Gegen Ende wurde es würdelos, als eine mehr oder minder echte Orenburg-Stola und diverse Klamotten angeboten wurden. Wir zogen uns durch den Kauf dreier ПРОФСОЮЗ- (Sowjet-Einheitsgewerkschafts-) Ausweise zu je $ 1 aus der Affäre.
Dann war unser erstes Ziel das Puschkin-Museum der bildenden Künste, wo ich neben Massen von Gipsabdrücken von Skultpuren und Architekturteilen (darunter auch ein Portal des Freiberger Doms [in Originalgröße]!) die berühmte Mittags und Abendansicht der Kathedrale von Rouen [von Monet] sehen durfte. Das Museum ist dem klassischen Bildungsauftrag verpflichtet und führt von ägyptischen Götterstatuetten über niederländische Meister bis zu Miró und Kandinskiy einen bunten Querschnitt durch die gesamte Kunstgeschichte.

21.7. - 3. Tag - Quartier - 23.25 MESZ+2

Nach einem Spaziergang durch das Arbatviertel und einigem Regen haben wir heute den berühmten Gorkiy-Park besucht; gestern waren wir ja schon Scorpions-mäßig [allerdings nicht absichtlich] der Moskva bis zum Park gefolgt. In dieser seltsamen Mischung aus Stadtpark und Dauerkirmes [mit einem Eingang vom Format des Brandenburger Tores] wurde ein Bier getrunken; anschließend ging es über die monströseste und prächtigste Fußgängerbrücke, die ich je gesen habe, zur Metro und wieder ins Südviertel was essen. Diesmal ein leckerer Karpfen. Felix' Schaschlik war diesmal etwas teurer, aber er blieb erstaunlich ruhig, vielleicht, weil es auch eindeutig ein gehobeneres Restaurant war.

21.7. - 3. Tag - Quartier - 23.50 MESZ+2

Gerade hat Sveta mich noch auf einen Tee in die Küche eingeladen, wo auch ihr hosenloser Ehemann Yevgeniy saß. Dabei wurde ich eingehend über den Verlauf unserer Reise verhört. Ob es für die beiden vorstellbar ist, dass wir als Studenten eine derartige Weltreise unternehmen?
Es gibt noch etwas zum Thema orthodoxe Kirchen zu sagen.
Mittlerweile kann ich fragmentarisch die in einem höchst komplizierten und verschnörkelten Kyrillisch geschriebenen Beschriftungen der flächendeckenden Deckenmalereien entziffern, die in der letzten Kirche z.B. das Leben Christi
(҃ИС ҃ХС schildern. Es hat was von illustrierter Kinderbibel. Wie fühlt sich wohl ein orthodoxer Christ, der diese Pracht, den Weihrauch und die goldene Ikonostase gewohnt ist, auf den das Antlitz Christi aus jeder Kuppel überlebensgroß herniederblickt, wenn er z.B. in eine calvinistische Kirche kommt? Schlicht verarscht? Hält er die Protestanten für Ungläubige? ... In die Erlöserkathedrale muss ich nochmal rein, auf jeden Fall. [Leider ist es nicht mehr dazu gekommen.] Dann mit langen Hosen, damit man mich auch wirklich lässt.
Ansonsten habe ich heute ein erstes Lebenszeichen an Anne geschickt und Antwort erhalten (per SMS); und unserer Fähigkeiten im Essen-Bestellen, sogar ohne englische Übersetzung der Karte, werden immer besser. Ich verspüre den Drang, Russisch zu lernen, und diese seltsame Russland-Faszination, von der gerne gesprochen wird, macht sich allmählich breit. Mal hier leben? Wie wär's?

22.7. - 4. Tag - Moskau (ukrainisches Restaurant) - 18.45 MESZ+2

Was ist typisch für Moskau? Die riesigen Rammgitter, die sich reiche Leute an ihre getunten Landcruiser schrauben?
Die Regenrinnen, die sich einfach auf den Bürgersteig ergießen, so dass sich auf dem überall unebenen Boden riesige Seen bilden, über die man hinwegspringen muss? Die Tatsache, dass es nirgendwo Postämter zu geben scheint und man auch nirgendwo Postkarten kaufen kann? Das unmenschliche Gedränge in der Metro, wo man gandenlos weggeschoben wird, wenn man nicht energisch genug vorwärts strebt? Die Sicherheitsleute vor allen größeren Geschäften, die Schleusen an edleren Cafés, die Metalldetektoren in den Museen?
Heute jedenfalls haben wir das berühmte Bolschoi-Theater (von außen) gesehen, sind die Tverskaya entlang und haben dann Maxim Gorkiys letztes Wohnhaus besichtigt. Dieses wahnsinnige Jugendstilgebäude hat eines der schönsten Treppengeländer der Welt und einen geheimen Andachtsraum, der in einem ornamentalen, für die damalige Zeit hochmodernen Stil gestaltet ist, allerdings angelehnt an orthodoxe Kirchen (was sonst). Was aus der (adligen?) Vorbesitzerfamilie geworden ist, deren mindestens einer in der Weißen Armee Offizier war, kann man sich denken - sonst hätte Stalin ihr Haus Gorkiy 1931 nie schenken können. Auf dem Weg zu einem auf dem Stadtplan vielversprechenden Park stellte sich uns ein gigantisches stalineskes Hochhaus entgegen, das wohl trotz allem Unglauben wirklich bloß ein Wohnhaus ist. Der Park entpuppte sich dann als der Moskauer Zoo. Da sind wir dann doch nicht rein.

23.7. - 5. Tag - Moskau (GUM) - 13.10 MESZ+2

Gestern bin ich zum ersten Mal nicht dazu gekommen, mein Kontingent von 6 Seiten pro Tag aufzubrauchen. Also habe ich heute 8 Seiten, die für diesen Tag auch nötig sein werden.
Nachdem wir gestern früh heimkamen, ignorierten wir erst mal Svetas Einladung zum Tee; später mussen Felix und Jeannette dann doch noch dran glauben, obwohl ich schon ausgezogen im Bett lag. Viel mehr als sonst habe ich trotzdem nicht geschlafen, da ich noch einiges im "Transsib-Handbuch" nachgelesen habe.
Heute morgen hat Sveta wieder Haare von mir im Bad gefunden, glücklicherweise keinen ganzen Klumpen mehr. Der war ja vorgestern auch nur deswegen liegen geblieben, da ich vergessen hatte ihn rauszutragen - es gibt in der ganzen Wohnung keinen Mülleimer außer in der Küche.
Wir sind heute an der Metrostation Kitai-Gorod ausgestiegen und an diversen hübschen Kirchen und dem Hotelmonster "Rossiya" vorbei zum Roten Platz gepilgert. Dort haben wir die absurde Pralinenschachtel namens Basilius-Kathedrale gesehen, allerdings nicht von innen (das kommt gleich noch). Auf dem Weg wurde Felix äußerst unsanft von einer Putzfrau von dem Blumenkübel vertrieben, auf dessen Kante wir saßen, da er seine Sachen ausgebreitet hatte und nicht binnen eines Momentes aufstehen konnte. Zack - schon wurde er mit dem Besentiel an Hintern zum Räumen des kostbaren Blumengefäßes aufgefordert. Unfassbar, aber wahr - so ist es hier eben in der Hauptstadt der finsteren Amtsdamen.
Vor der Kathedrale und auch auf dem Vorplatz vor dem unglaublichen Märchenpalast des historischen Museums (so stellt man sich die Kulissen für "Die Schneekönigin" oder "Die Glocke von grünem Erz" vor!) waren einige Hochzeitspaare zu sehen. Interessanterweise hatten irgendwelche Leute in der Hochzeitsgesellschaft immer beschriftete Schärpen an; ich frage mich, ob das die Trauzeugen sind?
Dort auf dem Vorplatz trabt übrigens Marschall Zhukov als Reiterdenkmal über den preußischen Adler und einen Haufen Hakenkreuzstandarten hinweg. Und dort gibt es das berühmte McDonald's auf dem Roten Platz, wo nicht nur ein Schild "Rauchen verboten", sondern auch eines "Saufen verboten" hängt (alles piktografisch dargestellt).
Gerade sitze ich im total unwirklichen ГУМ [GUM] (hier ist alles total unwirklich) auf einer Bank neben dem zentralen Springbrunnen, an dessen Düsen konstant Kinder herumspielen, so dass ich ständig Angst haben muss, dass mein Tinte vollgespritzt wird. Ein kleiner russischer Junge mit seiner Mutter oder Oma sitzt neben mir und hat lange interessiert die fremdartigen Schriftzeichen bewundert, mit denen ich mein Logbuch fülle.

24.7. - 6. Tag - "Baykal" kurz vor Kirov - 11.20 Bordzeit (MESZ+2)

Der Rest des gestrigen Tages wird überschattet von unserem "Abschied von Sveta, die uns kurz vor Schluss in der Wohnung einschloss und uns für einen Kratzer, den wir nicht verursacht haben, und für den Tee, den wir uns die ganze Zeit reingezwungen haben, um ihre "Gastfreundschaft" nicht zu enttäuschen, sowie die Reinigung des Bads noch eine Rechnung stellte und uns 10 $ pro Nase abknöpfte. Felix wurde darüber so wütend, dass sich seine Tee-Unverträglichkeit ins Unermessliche steigerte und ihm kotzübel wurde sowie er wieder sämtliches Vertrauen in die Russen verlor, das er in den Tagen in Moskau gewonnen hatte. Zu allem Überfluss gingen beim Packen auch noch diverse Verschlüsse seines Rucksacks kaputt. Wir haben uns also verängstigt, fürchterlich wütend und in allgemein finsterer Stimmung in die Metro begeben, beladen wie Packesel, und am vor Menschen wimmelnden Jaroslawler Bahnhof versucht, herauszubringen, wo Züge fahren.
Für die Reise haben wir noch einiges eingekauft, darunter das berühmte russische Bier in der edlen Großraum-PET-Buddel, Kwass natürlich, russisches Konfekt, Toilettenpapier, Plastikbecher usw.; Speicherkarte und Trekkingsandalen für Jeannette haben wir aber selbst im glitzernden Neuen Arbat, wo die Kasinopaläste für die Neureichen und ganze Batterien winziger Elektronikgeschäfte und Schuläden sich zu Füßen der Plattenbau-Hochhäuser drängeln, nicht gefunden. [Jeannette hat bis zum Schluss der Reise weder Sandalen noch Speicherkarte gekauft, obwohl bereits vor dem Abflug in Düsseldorf nach Sandalen geshoppt wurde.]
Wir waren äußerst glücklich, als wir am Ende dann im Zug saßen. Und das auch noch in freundlicher Gesellschaft: Schon am Bahnsteig (Gleis 3 - hier gibt es eine Mischung aus deutschem und französischem System, man erfährt einen Block von Gleisen aus dem Fahrplan, aber erst kurz vor der Abfahrt wird angezeigt, welches Gleis es genau ist) trafen wir 2 Neusser Backpacker, die auf einer Baikal-Insel wandern wollen, außerdem 2 niederländische Pauschaltoursiten auf dem Weg zu 11 Tagen Mongolei; und unsere erste Abteilgenossin war eine russische Hammerwerferin und Leichtathletin, die mit einem Sportstipendium an der University of Southern California studiert - ich hätte nie gedacht, dass ich mal in einem Schlafwagenabteil mit einer jungen, hübschen, blonden, bauchfreien russischen Spitzensportlerin nächtigen würde. Yula ist dann in Nizhniy Novgorod ausgestiegen und mittlerweile belegt ein russischer Herr mit begrenzten, aber vorhandenen Englischkenntnissen den 4. Platz in unserem Abteil. Er geht dem russischen Nationalsport nach: Rätselheftchen. Wir haben eben in Kirvo gehalten und sind jetzt auf dem Weg Richtung Perm.
- Jetzt ist es 13.15, die Schaffnerin ist gerade mit dem Staubi durchs Abteil, um die kleinen, orientgemusterten Läufer, mit denen der Zug (wie anscheinend halb Russland) ausgelegt ist, zu säubern. Der БАЙКАЛ [BAYKAL] verstörmt den Charme einer kuscheligen Frühstückspension.

24.7. - 6. Tag - "Baykal" vor Perm - 16.55 Bordzeit = 17.55 MESZ+3

In fünf Minuten treffen wir Neusser und die Niederländer im Speisewagen (РЕСТОРАН [RESTORAN]. Letzter Halt war Balezino, wo es unzählige Loks (Betriebswerk?) und lebhaften Güterverkehr zu bestaunen gab. Felix hat seine in Moskau gekaufte Wurst angebrochen; sie besteht zum größten Teil aus Speckwürfeln und liegt ihm wie ein Stein im Magen.

24.7. - 6. Tag - Halt in Perm - 20.07 Bordzeit = 22.07 MESZ+4

Perm an der gigantisch breiten Kama bot einen wunderbarne Sonnuntergang über dem Fluss und ansonsten viel Industrieromantik. Ich habe mich schon ein wenig in russische Kräne und Güterzüge verliebt. Am Bahnsteig habe ich soeben ein Instantnudelgericht erstanden, das ich in einer Viertelstunde mit dem Wasser aus dem wageneigenen Bordsamowar zubereiten werde; verzehren kann ich es dann im Speisewagen, wo wir uns um 20.30 Bordzeit wieder mal mit den Neussern und den Niederländern treffen wollen - letztes Mal hat es nicht ganz geklappt, weil eine Reisegruppe dort ihren Borschtsch in sich reinschaufelte; das gehört wohl zum Pflichtprogramm einer geführten Russlandreise. Mithin habe ich ja auch schon Borschtsch gegessen. Ich bin gespannt, wieviel wir vom Ural zu sehen bekommen.

25.7. - 7. Tag - "Baikal" vor Barabinsk - 17.50 Bordzeit = 20.50 MESZ+5

Der gestrige Tag endete mit einem Stelldichein diverser Touristen im Speisewagen. Wir ließen uns auf keinen Wodka ein(-laden), sondern tranken Bier bis zur Sperrstunde, wo dann die Miliz, die jeden Zug begleitet, freundlich aber bestimmt für unser Abhauen sorgte.
Heute war noch nicht viel los, es gab beim letzten längeren Halt leider kaum was zu kaufen. Ich brauche Wasser, sonst trockne ich aus. Gerade fährt unser Zug in Barabinsk ein, hoffentlich gibt es da welches.

25.7. - 7. Tag - Barabinsk - 18.10 Bordzeit = 21.10 MESZ+5

Ich habe das so dringend benötigte Wasser erstanden. Es gibt wenig zu erzählen über das Leben im Zug - vielleicht sollte man erwähnen, dass die beiden Düsseldorfer bzw. Neusser mit zwei Sibiriern fahren, einem Offizier und seiner Freundin oder Frau, die ca. 16 Stunden am Tag schlafen, und zwar nach einem speziellen Zyklus: Es wird immer eine Flasche Starkbier (8%) im Eiltempo verzehrt, dann geschlafen, nach dem Aufwachen ein Aspirin genommen und dann wieder geschlafen. Gesehen habe ich die beiden nicht, da sie unter ihren Decken verkrochen waren; nur die Haare der Dame waren zu sehen.
Einer der Niederländer hat die beiden übrigens bei einem Blowjob im Wagenübergang gesehen und uns das berichtet.
Mittlerweile habe ich einigen Habermas gelesen, wenn auch nicht so viel, wie ich ursprünglich angenommen hätte. Dafür habe ich einen halben Reiseführer über die Mongolei überflogen. Die Mongolen sind schon ein lustiges Völkchen mit eigenartigen Sitten; aber ob man soviel auf einen Reiseführer geben sollte, der behauptet, die Romanvorlage zu "Jurassic Park" sei von Arthur Conan Doyle...?
Draußen zieht endlose Steppe vorbei, darüber türmen sich vom Abendrot bestrahlte Haufenwolken. Im Sekundentakt stampft das Drehgestell, über dem wir sitzen, über die Stöße der nur sporadisch geschweißten, sonst gelaschten Gleise. Wir sind mittlerweile bei Kilometer 3015.

26.7. - 8. Tag - Halt in Nizhneudinsk - 20.10 Bordzeit = 1.10 MESZ+7

Auch gestern ging der Tag wieder im Speisewagen zu Ende, danach hatten wir noch Bier zwischen zwei Wagen. Beim Halt in Novosibirsk gab es dann, aus welchem Grund auch immer, kein Bier zu kaufen ["no trade"], und zum Schluss diskutierte ich dann noch alleine mit Dan, ohne Bier, über verschiedene politische Dinge. Er hat auch ein bisschen Ahnung von freier Software und konnte daher nachvollziehen, wie bizarr es war, mit Eric S. Raymond über "gun control" zu diskutieren. Er liest gerade Neal Stephensons neuesten Roman und meinte schon, "we're the same kind of nerd". Dan hat an einem amerikanischen College in Lugano Kommunikationswissenschaften studiert und unter anderem Kants "Kritik der reinen Vernunft" gelesen und auch einige Ahnung von Habermas.
Heute morgen stieg unser bisheriger, nicht namentlich bekannter Reisegenosse aus und wurde durch Katja ersetzt, die sofort munter Konversation zu machen begann, ungeachtet der Tatsache, dass keiner von uns Russisch und sie keine unserer Sprachen spricht, bis auf sehr rudimentäres Englisch. Jedenfalls ist sie eine Juristin, die aus Krasnoyarsk kommt und in Irkutsk arbeitet; sie ist 30, Skorpion, hat eine Woche vor mir Geburtstag und zwei Töchter im Alter von 11 und 8 Jahren. [Faszinierend, was man ohne Sprachkenntnisse an Informationen austauschen kann!] Sie hat uns sofort selbstgezogene Kartoffeln und Tomaten sowie ein Hühnerbein und Eier aus eigener Haltung angeboten, uns Bier gekauft und allgemein für Party gesorgt. Als Felix ein weiteres Hühnerbein auf dem Bahnsteig kaufte, zerlegte sie es für uns, was Dan zu der Bemerkung veranlasste: "This is the fastest I ever saw a lawyer butcher a chicken with her pocket knife". Was auch für mich zutrifft.
Auf dem Nachbargleis fährt gerade der "Sibiryak" ein. Der Zugverkehr ist überall entlang der Strecke gleich rege, was Güter- aus auch was Personenzüge betrifft.
Vorhin hatten wir nochmal Dan ins Abteil eingeladen. Nach einigem Bier legte ich mich hin und wollte mich eigentlich zum Halt in Taishet vor ca. drei Stunden wieder erheben, was jedoch nicht geklappt hat. Also habe ich auch den lustigen Rest des Abends (bei den Düsseldorfern) nicht mitbekommen. Jetzt gerade geht es endlich weiter und Jeannette kann auch aufs Klo. Es ist eine ständig wiederkehrende Erfahrung hier auf der Transsib, dass man immer genau dann auf Toilette muss, wenn die Zug-WCs gerade wegen eines Haltes geschlossen sind. Auch ich bin daher noch nicht dazu gekommen, mir die Zähne zu putzen, obwohl ich eigentlich bald schlafen will.
Felix rödelt auf dem Bett gegenüber schon gefühlte 3 Stunden mit seiner Digitalvideokamera herum, da er meint, irgendwas zwischen 30 und 90 Minuten an Aufnahmen verloren zu haben, warum auch immer. Ich bin schon sehr froh, dass ich mein vermisst geglaubtes Logbuch wieder gefunden habe.
Der Wekcer für 3.00, d.h. 8.00 Irkutsker Orstzeit, ist gestellt; morgen früh verlassen wir unser stahlrädriges Zuhause und widmen uns der Aufgabe des Urlaubmachens am Baikalsee.
Schlafen ist bekanntlich Arbeit, und Urlaub machen ebenso.

Man sieht einen sibirischen Mond über den Silhouetten der Taigabäume scheinen. Ich gehe jetzt zu Bett.

27.7. - 9. Tag - Quartier in Irkutsk - 22.25 MESZ+7

Heute morgen ist der "Baikal" in Irkutsk angekommen. Unser Abteil enthielt ein verkatertes Pärchen, einen etwas verschlafenen Matthias und eine plötzlich sehr eisig gewordene Katja, deren ganze Jovialität mit dem Rausch dahingegangen zu sein schien. Im letzten Moment gab es noch Scheirigkeiten mit den keinerlei Fremdsprachen verstehenden Schaffnerin, aber durch Auftreiben eines fehlenden Stücks Bettzeug (ein Kissenschoner ausgerechnet) wurde sie besänftigt und verabschiedete sich unerwartet fröhlich. Dann mit dem Taxi, wie immer ohne Gurte, zum Quartier, nachdem wir uns noch abrupt von den ganzen anderen Touristen verabschiedet und die Schweizerin, deren Gepäck verloren gegangen war und der ich mein Sony-Ericsson Netzteil geliehen, es mir zurückgegeben hatte.
Wir sind bei einer netten, älteren, wie üblich sehr resoluten ehemaligen Deutschlektorin der hiesigen Universität untergebracht. Nach einigen Planugsdiskussionen ging es dann zum Reisebüro "Lovely-Tour", um unsere Fahrkarte nach Ulaanbaatar abzuholen und uns registrieren zu lassen, damit es an der Grenze keine Probleme gibt. Danach mit dem Trolleybus zum РАКЕТА- [RAKETA-] Terminal, wo wir für morgen eine Tour mit dem Tragflächenboot gebucht haben, die uns in ein per Straße nicht erreichbares Dorf namens Bolshiye Koty führt. Felix wollte dort eigentlich wandern, aber leider ist unser Aufenthalt dort sehr kurz und andere Fahrten waren nicht mehr buchbar.
Eine Fahrt mit dem Trolleybus ist ein ganz besonderes Erlebnis - langsames Zuckeln und urplötzliche Spurtstrecken wechseln ohne Vorwarnung ab. Im Innenraum sitzt auf einem Sessel über dem Heizgerät wie auf einem Thron eine (hässliche und haarige) Schaffnerin, die Fahrkarten zum Pauschalpreis von 5 Rubeln verkauft. [Der Heizsessel hat Metall-"Pfoten", auf denen die Schaffnerin ihre Schuhe abstellt, damit die Sohlen nicht schmelzen.]
So ging es bei knapp 30 °C und blendendem Rivierawetter (völlig wolkenlos) durch Irkutsks allerliebste Altstadt, die den Titel vom "Paris des Ostens" alle Ehre macht. Und überall wird gestrichen, verputzt, gepflastert und renoviert - die Stadt ist im Aufbruch, alles wirkt erfrischend munter.
Das Mittagessen wurde diesmal in kopekengenauen krummen Preisen berechnet. Beim Versuch, das zunächst ebenso genau auf die drei Beteiligten aufzuteilen, rechneten wir alle drei mehrfach bis zum Scheitern und machten so allen Klischees über deutsche Touristen Ehre. Die Baikalrenke mit Sahne und Zedernkernen war aber bemerkenswert lecker.
Nach diversem Gerenne durch die Stadt mit Irrungen und Wirrungen kamen wir schließlich auf einem Biergartenboot auf der Angara gegen 20 Uhr zur Ruhe. Meine tapferen Kommunikationsversuche mit dem Chef wurden mit Handschlag und Schulterklopfen sowie äußerst leckerem Hühnerschaschlik, zubereitet auf einem tankstellenprämien-handelsüblichen Grill, quittiert.
Das Baikalwasser, das hier als Trinkwasser aus der Leitung kommt, ist besser als das meiste französische Mineralwasser. Ich werde hier kein abgefülltes Wasser kaufen müssen, was mich sehr freut.

28.7. - 10. Tag - Quartier in Irkutsk - 22.10 MESZ+7

Nach einem wirklich superben Frühstück, das von unserer Gastgeberin aber "à l'allemande" zubereitet worden war, ging es heute morgen erst einmal zum Busbahnhof, um Fahrkarten nach Listvyanka zu erstehen, ans Baikalufer. Am Busbahnhof selbst umlagerten uns einige finster blickende Taxifahrer, die uns eine Fahrt dorthin für 900 Rubel oder 50 Dollar verkaufen wollten. Wir betraten und verließen das Gebäude mehrmals unter wachsendem Gemurmel und Amüsement der "Taxisten", erstanden, jedoch dann mit Hilfe unserers gesammelten Mutes und unserer gesammelten Sprachkenntnisse Fahrkarten nach Listvyanka, allerdings erst für übermorgen. Wie wir zurückkommen, ist fraglich. Hoffentlich lässt sich ein Ticket zurück organisieren.
Dann zur Post, Karten abschicken. Das heißt, wir haben es zumindest versucht. Die Postbeamtinnen waren unfreundlich bis abweisend. Wir haben dann einfach die 9 uns verkauften Marken jeweils auf eine Karte geklebt und sie eingeworfen. Mehr Marken gab es nicht. Hoffentlich kommen die Teile an! Ich bin jedenfalls sehr gespannt.
Als nächstes bei brennender Sommerhitze über die Angarabrücke zum Bahnhof, wo wir als Alternativplanung für morgen Karten für die Elektritschka nach Sludyanka und zurück kaufen wollten. Unsere übliche Kommunikationsmethode mittels Wörterbuch, Zettel, Stift, Gesten und polnischen Wortfetzen brachte zu Tage, dass wir erst morgen Karten kaufen können, aber wenigstens den Preis kennen wir jetzt schon. Dann mit dem Trolleybus, den wir mittlerweile schon routiniert benutzen, zum "Bahnhof der Raketa" (Ракета Вокзал [Raketa Vokzal]), also dem Abfahrtsort der Tragflächenboote.
In einem flugzeugähnlichen Gefährt wurden wir mit 60 km/h und 1000 PS über den Angarastausee geschossen, wobei uns die haarsträubend ungesicherten Leute an Deck doch etwas verwunderten. Mich als Langhaarigen starrten die mitfahrenden Kinder an wie ein Weltwunder.
Russland ist das Land der Kioske. Jede Bushaltestelle hat einen; und sogar in dem abgelegenen 300-Seelen-Dorf Bolshiye Koty, wo alle Häuser aus Holzbrettern sind, die ein kleines Sägewerk am Strand herstellt, und wo Kühe und Pferde überall frei herumlaufen, gibt es zwei. Das Dorf ist per Straße nicht zu erreichen, und wir machten uns daher viele Gedanken über sein wirtschaftliches Funktionieren. Ferienhäuser und Pferdeverleih scheinen jedenfalls wichtige Branchen. Nach und von Irkutsk scheint das Tragflächenboot die wichtigste Verbindung.
Während Jeannette (wie sich später herausstellte vergeblich) nach einer Toilette suchte, unternahmen Felix und ich einen kleinen Spaziergang weg von der Zivilisation in das kleine Tal, in dem Bolshiye Koty liegt. Dort machten wir Bekanntschaft mit den regelrechte Autobahnen bauenden, meterhohe Hügel auftürmenden sibirischen Ameisen und den weit weniger sympathischen sibirischen Stechmücken.
Bei der Rückfahrt wunderten wir uns über das Gedränge am Bootssteg, der schon 20 Minuten vor Abfahrt immens war. Und wir erkannten gerade noch rechtzeitig, dass dies wohl daran lag, dass nicht belegte Plätze auf den stets restlos ausgebuchten "Raketenbooten" kurz vor Abfahrt noch vertickt werden.
Der Baikal ist, sobald man zwischen Port Baikal, wo unser Boot bei der Hinfahrt außerplanmäßig hielt, um einen einzigen Jungen abzusetzen, und Listvyanka den Angarastausee verlassen hat, wie ein Meer - komplett mit Möwen und Seegang. Der Horizont ist weit, mit kaum erkennbaren Bergen auf der anderen Seite, und, wie ich am Strand in Bolshiye Koty sehen durfte, das Wasser ist klar und kalt wie erwartet.
Auf der Rückfahrt schliefen wir im Boot unter der sengenden Sonne ein und benutzten die Ausgucknischen gar nicht mehr, die wir bei der Hinfahrt frequentiert hatten.
Der Abend wurde abgerundet von einem Essen in einem Strandrestaurant, wo es wegen eines Stromausfalls nur Gegrilltes und kalten Reis gab. Ich habe nun auch mal einen Omul Baikalski gegessen, und er war so lecker wie versprochen (durch Reiseführer und durch Katja, die Anwältin). Jeannette störte sich etwas hieran, aber spätestens bei der Heimfahrt im Trolleybus Nr. 5 war denn wieder eitel Sonnenschein.
Übrigens gibt es tatsächlich auch auf dem Tragflächenboot einen Kiosk.
Und wie wir heute bei einem eingeschobenen Bonaqa im Strandbiergarten sehen durften, steht die Bademode der russischen Mädchen ihrer "Straßen"-Kleidung in nichts nach.
Aber auch die stringbekleideten, gebräunten Hintern, die heute zu besichtigen waren, können Annes Rückseite nicht im Entferntesten das Wasser reichen.

29.7. - 11. Tag - Quartier in Irkutsk - 22.51 MESZ+7

Russland ist das Land der Kioske, und Irkutsk ist die Stadt der Akkuschrauber. Überall wird jetzt im Sommer alles ausgeflickt, was im Winter kaputt gegangen ist.
Heute ging es um 9.16 mit der "Elektritschka" nach Sludyanka, einer kleinen Eisenbahnstadt in der Bucht, die das Südende des Baikals bildet. Die Landschaft war schon von der Strecke aus unglaublich schön, von der Stadt selber aus noch mehr. Leider war Felix etwas sehr angesäuert davon, dass die 130 km Fahrt etwa dreieinhalb Stunden in Anspruch nahmen; der altmodische Elektrotriebzug machte einen Lärm wie eine S-Bahn bei Tempo 120, fuhr aber höchsten 60 und hielt natürlich an jeder Milchkanne. Opas und Omas mit vollgepackten Blechtornistern stiegen zu und aus, es herrschte fernsehdokumentationsmääßige russische Vorstadtzug-Idylle.
In Sludyanka, einer eher trostlosen Siedlung, die mal vom Glimmerabbau gelebt hat und heute nur noch ein paar Marmorgrabsteine herstellt, sieht links der Eisenbahn alles sehr sibirisch-dörflich aus: Unbefestigte Straßen, ein Tante-Emma-Laden, Holzhäuser, vor denen alte Frauen Omul verkaufen.
Mehr oder minder erfolgreich im Bemühen, uns eine Busverbindung zurück zu sichern (der Bus ist schneller als die Bahn), zogen wir dann von dem berühmten Marmorbahnhof (aus Grabsteinmaterial) los und umrundeten ein wunderhübsches Kap an der Bucht.
Dabei konnte uns eine Gruppe angetrunkener Leute aus Sludyanka, die mit uns auf die Freundschaft von Deutschen, Sludyankern, Kurskern und Burjaten trinken wollte, nur kurz aufhalten. Nach einem Stück Birne, einem Wodka (erstaunlich gut), einigem radebrechenden Small-talk über Fußball und einem Gruppenfoto ging es schon weiter.
In Sludyanka wurde übrigens einiges an Gleis erneuert und das Empfangsgebäude renoviert. Man konnte tatsächlich einer Doppeltraktion Dampfloks beim Rangieren zusehen, und wir sahen Güterzüge mit gewaltigen Doppelloks, soviel das Herz nur begehrt.
Zurück dann mit dem Linientaxi, einem mit ca. 14 Personen und einigem Gepäck völlig normal kriminell überladenen japanischen Minivan, dessen Fahrer uns mit gefühlter Schallgeschwindigkeit nach Irkutsk schoss. Bei jeder Bodenwelle hob es uns aus den Sitzen, bei jedem Überholmanöver machten wir innerlich unser Testament - aber kamen dennoch heil an, um mit der Straßenbahn ins Zentrum etwas essen zu fahren.
Dabei demonstrierten wir der Welt mal wieder, wie deutsche Touristen so sind, indem wir zum zweiten Mal binnen kurzem ca. eine halbe Stunde vergelich versuchten, die Rechnung aufzuteilen, unter erheblichem Verbrauch von Papier und Nerven, Ich jedoch habe beschlossen, mir diesen Urlaub von nichts verderben zu lassen, und sowieso waren ja alle Wogen nach dem abendlichen Biereinkauf wieder geglättet.
Morgen per Bus nach Listvyanka! Hoffentlich überleben wir den Straßenverkehr, und hoffentlich ist Felix wenigstens diesmal mit der Qualität der gebotenen Wildnis zufrieden.

31.7. - 13. Tag - Zug, irgendwo in Burjatien - 12.55 Bordzeit = 17.55 MESZ+7

Mit gutem Grund habe ich es versäumt, eine Eintragung für gestern zu machen. Ich muss erst einmal nachtragen:
Wie geplant ging es um 9 Uhr mit dem Linienbus los nach Listvyanka. Der Bus war ein älterer, aber halbwegs Vertrauen erweckender Ikarus, und die Tickets waren Platzkarten. Trotzdem stand auch der Gang voller Leute, ein Hund verbreitete Hundgeruch - es gibt angenehmere Arten des Reisens.
Listvyanka selbst ist ein reines Touristendorf, wo auf einem großen Martkplatz Souvenirs sowie an jeder Ecke direkt vor Ort geräucherter Omul verkauft werden. Wir gingen bis zum Ende der Ortschaft und stießen dann über winzige Pfade in den Wald direkt über den Klippen vor. Auf halsbrecherischen Wegen erlebten wir so diverse Panoramen, die aufs Titelblatt von GEO oder National Geographic gepasst hätten. Felix war dort natürlich voll in seinem Element, wir kraxelten stundenlang herum und hatten ein richtiges Baikal-Naturerlebnis, das jeder Fernsehdokumentation würdig gewesen wäre.
Auf den Gipfeln zweier Hügel fanden wir ein Sonnenobservatorium, so einen richtig Kitt-Peak-mäßigen Bau mit Zölostat und Schrägschacht, und ein klappriges Gerüst mit teilweise weggerosteten Stufen und gerissenen Abspannungen, das einmal wohl so etwas wie ein Aussichtsturm gewesen sein muss.
Auf dem Rückweg verschreckte mich noch ein fieser Dorfhund, aber wir kamen sicher nach Listvyanka zurück und pflanzten uns dann auf eine Sitzgruppe an einem Strandkiosk, wo unter anderem eine Gruppe sehr alternativ (für russische Verhältnisse) aussehender Jugendlicher und mal wieder eine Hochzeitsgesellschaft zugegen waren.
Die Jungen waren vielleicht Studenten der Irkutsker Universität; auf jeden Fall waren sie mir sehr sympathisch, denn es waren langhaarige Russen dabei, was ja schon in Moskau eine Seltenheit ist und in Irkutsk noch viel mehr. Mit langen Haaren, vor allem mit offenen, was ich einen Tag lang tun musste, da ich ein Haarband verloren hatte (ein von Jeannette ausgeliehenes ausgerechnet), fühlte ich mich doch meistens ziemlich begafft.
Bei dieser Gelegenheit bin ich dann auch dazu gekommen, im Baikal zu schwimmen. Das Wasser war klar, kalt und durchaus angenehm. Nach Bier und Schwimmen wollten wir dann zum Essen in das "Dorfzentrum" zurück. Als Umkleide für den Strand diente übrigens das Plumpsklo vor Ort, eine Einrichtung aus Dachlatten und Plastikplanen, über deren Zustand ich hier Schweigen breiten möchte.
Am Souvenirmarkt nahm dann, kaum dass wir uns hingesetzt und zwei Bier gekauft hatten, das Unheil seinen Lauf. Einige Einheimische setzten sich zu und. Das Ganze begann eher verhalten, zögerlich wurde kommuniziert, man bat uns Tomaten an; das Ende vom Liede bestand in mehreren kleinen Plastikbechern Wodka und großen Mengen Essen. Wir waren auf dem Heimweg nicht mehr zurechnungsfähig. Unter den Leuten am Tisch war der große Wohltäter, der für Hühnerschaschlik und Wodka sorgte, der Eigner des Ladens, in dem wir saßen, und dabei saß als graue Eminenz, allerdings nur Mineralwasser trinkend, der Bürgermeister von Listvyanka. Seine Frau war durchaus fröhlicher, was das Trinken anging.
Der Wirt war übrigens jemand mit dem Namen "Комбат" [Kombat], was auch die russische Abkürzung für "Bataillonskommandeur" ist; er kam aus Tiflis und war insofern kein Russe, sodass ich bis heute nicht weiß und wohl nie erfahren werde, ob das nun sein richtiger Name oder nur ein Spitzname war. Er bot uns auch an, uns nach Hause zu fahren, was wir allerdings ablehnten, angesichts der Flasche Wodka, die er schon verklappt hatte.
Es stellte sich dann auch heraus, dass die Tickets, die wir für Busfahrkarten zurück nach Irkutsk gehalten hatten, Karten für die andere Richtung waren, und wir uns somit einmal mehr einem Linientaxi anvertrauen mussten. In der Warteschlange gesellte sich Nikolai [oder Andrei?], ein netter Russe mit Englischkenntnissen zu uns. Und viel mehr weiß ich dann auch nicht mehr, weil dann der Wodka voll zuschlug. Nur, dass ich meine Sonnenbrille dabei verloren habe und wir unserer Gastgeberin Blumen gekauft haben, das weiß ich sicher.

31.7. - 13. Tag - Grenzbahnhof Naushki - 17.46 Bordzeit = 22.46 MESZ+7

Heute morgen frühstückten wir Happen mit Kartoffeln und Omul in extrem verkatertem Zustand, ich musste in Rekordgeschwindigkeit packen, weil das Taxi schon vorgefahren war, und wir stürzten uns in den Zug nach Ulaanbaatar.
Dieser hat sich als unklimatisiertes Schmugglernest herausgestellt, wir reisen in die Mongolei zusammen mit ungeheuren Mengen an Zigaretten, Jeans, Instantkaffee, Elektrogeräten, mit so ziemlich allem, was irgendwie verpackt werden kann.
Die Grenzabfertigung zieht sich schon seit etwa 5 Stunden.
Zwar wurde bei uns nichts beanstandet, aber die Toiletten sind, seit wir in den Zug zurück mussten, gesperrt und Felix hat in seiner Not bereits in eine Wasserflasche urinieren müssen. Keine Ahnung, wann es weitergeht. Eben ein Rangierstoß, vielleicht ist die Lok gewechselt worden? Ich hoffe, dass die Einreiseabfertigung auf der anderen Seite der Grenze nicht ganz so lange dauert.

2.8. - 15. Tag - Jurte bei Ulaanbaatar - 8.44 mongolische Ortszeit = 1.44 MESZ+7

Von gestern gibt es mal wieder keine Aufzeichnungen, da wir alle in einer Jurte geschlafen haben und daher ziemlich früh Zapfenstreich war.
Die Grenzabfertigung hat gestern tatsächlich irgendwann nochmal ein Ende genommen, wir mussten aber nochmal nach kruzem Schlummer im mongolischen Grenzbahnhof Einreisekarten ausfüllen und eine Zolldeklaration, die es nur als russischen Vordruck gab. Einer der mongolischen Oberschmuggler, der in Berlin an der HU Philosophie und Slawistik studiert hatte, half uns glücklicherweise. Es handelte sich bei ihm übrigens um das Oberhaupt der verzweigten Familie, die das Personal unseres Waggons stellte; die oberste Waggonschaffnerin war seine Frau.
Nach zahlreichem Verschieben der Schmuggelware und einigen, teils natürlich verschlafenen hundert km trafen wir dann am ziemlich edel aufgemachten Bahnhof von Ulaanbaatar ein, an dessen Vorderfront ein Videoschirm absurde Musikclips und Werbung für die Mongolei anzeigt.
Unser "Fahrer" war eine blonde Russin mit einem großen silbernen Toyota-Offroader und brachte uns damit in ein Tal gerade außerhalb Sichtweite der Stadt ins Jurtencamp "Chinggis Khaan Khuree", wo wir eine Nacht in Jurte Nr. 1 verbringen würden.
Jurten sind äußerst gemütliche Behausungen, vor allem, wenn sie elektrischen Strom haben und auf Steinfundamenten stehen wie die im Camp. Ich hätte denn auch nie gedacht, dass ich mal in so einem Rundzelt aus Walkfilz meinen Handyakku aufladen würde.
Das Camp ist eine sehr touristische Veranstaltung; es besteht aus einer größeren Anzahl normal großer Jurten, die, mit Vorhängeschlössern abschließbar, als Wohnungen dienen; außerdem sind einige größere Jurten auf Rädern dabei. Die grobschlächtig gezimmerten Holzplattformen auf gewaltigen, eisenbeschlagenen Rädern, die diese tragen, sehen aus wie Requisiten aus einem Fantasy-Film, als seien sie dazu gemacht, Ork-Häuptlinge und ihre Schamanentempel zu befördern.
Das "Restaurant" ist eine riesige Jurte inmitten der Anlage und steht auf einem mit Steinplatten belegten Fundament. Die Zwischenräume der Dachträger sind mit Fellen von Füchsen, Wölfen und vor allem ca. 80-100 Schneeleoparden ausgefüllt - ein Alptraum für jeden Tierschützer, ich will nicht wissen, wie viele Promille der Population dafür abgeschossen worden sind. In dieser mit mongolischen Prachtthronen und swastika-verzierten Thruhen ausstaffierten Unwirklichkeit brachte uns ein weißbehemdeter Kellner formvollendet drei warme Mahlzeiten pro Tag (Vollpension!).

2.8. - 15. Tag - Quartier - 22.00 MESZ+7

Der Nachmittag wurde dann als Wanderung durch die unermessliche Leere der Steppe hinter dem Camp gestaltet. Wir sahen Steinhaufen, die wohl Heiligtümer für irgendwelche Gottheiten darstellen, und umgingen die eine oder andere freilaufende Kuhherde. Die wellige Hochland-Landschaft mit den Wolken, die darüber hinwegziehen, ist in Worten nicht adäquat zu beschreiben. Ab und zu sprenkeln Jurten wie weiße Punkte die Hänge, die übrigens abhängig von der Lage zu Sonne und Wind alle unterschiedliche Vegetation haben, von Bodendeckern über Gras bis hin zu Birkenhainen. Kein Hang ist wie der andere.
Überall sind Heerscharen von Heuschrecken, die mit lautem Schnarren, wie es der Reiseführer nennt, oder aber mit einem Klappergeräusch wie von kleinen Kastagnetten auffliegen, wenn man sich nähert, und beim Landen schrecken sie neue Heuhüpfer auf, so dass die ganze Steppe ununterbrochen rauscht wie ein kaputtes Radio (Jeannettes Formulierung).
Wir wurden auch Zeuge eines Luftkampfes zwischen einem der hiesigen Greifvögel und einem kleinen Beutevogel.
Heute morgen wurden wir dann von Tatjana, unserer russischen Fahrerin, abgeholt. Unter anderem umfuhren wir dabei ein Sperrseil, das eine Mongolin über die Straße gespannt hatte, um uns Eintritt für den Nationalpark, in dem das Camp liegt, abzunehmen. Angeblich passierte das zum ersten Mal und es ist auch merkwürdig, für einen Nationalpark Eintritt bei der Aufahrt zu kassieren; daher muss ich wohl kein schlechte Gewissen haben, weil wir uns ums Bezahlne gedrückt haben.
Dann ging es ins Quartier, bei einer fließend Russisch, aber kaum Englisch sprechenden Mongolin. Ich wohne in einem Zimmer voller Deutschbücher und aus deutschen BRAVO-Heften ausgeschnittener Poster. Es gibt auch Bücher über Web-Design und einen deutschen DIlbert-Band ("The Joy of Work").
In der Stadt haben wir heute einiges gekauft (ich: eine Stange Zigaretten zum Spottpreis von ca. 5000 Tugrik = ca. 3,50 €, Waldbeerlimo, Wasser und eine Dose koreanisches bier sowie kleine Metallkamele und ein handbemaltes Pferd als Souvenir). Außerdem waren wir im Gamdan-Kloster, einem großen Komplex zahlreicher Tempel, der seit Ende des Kommunismus aus der teilweisen Zerstörung wieder aufersteht.
Wir sahen dort die geheimnisvoll in Halbdunkel getauchte riesige Statue eines Boddhisattvas aus vergoldetem mongolischem Kupfer, die 1996 aus Spendengeldern wieder hergestellt wurde, nachdem die Kommunisten sie 1938 eingeschmolzen hatten. Der Raum bzw, besser die Halle, in der der 26,5 m hohe Koloss steht, ist zudem völlig zugestellt mit turmhoch gestapelten Glasvitrinen voller kleiner Heiligenfiguren, alle gleich, nur in unterschiedlichfarbige Mäntel gehüllt. Nach welchen Regeln die Mongolen, die einmal um die Statue wandern und dabei mit gelangweiltem Blick die endlose Reihe von Gebetsmühlen in Schwung halten, ihre Opfer (Streichhölzer, Körner u.Ä.) vor einer davon niederlegen, ist nicht erkenntlich.
In einem erst 2004 wieder eröffneten Tempel drückte uns einer der erkennbar sehr fröhlichen Lamas etwas Räucherpulver zum Abbrennen vor dem Altar in die Hand, was vor allem für Jeannette ein sehr mystisches Erlebnis war.
Später suchten wir dann noch ein mongolisches Ketten-Restaurant auf, wo wir ausgezeichnet und spottbillig mongolisch aßen (Lammfleisch, was sonst); außerdem machten wir im "Khan Bräu Biergarten" den schwäbischen Inhaber ausfindig und Felix vereinbarte mit uns eine Führung durch dessen Brauerei. Ich hoffe, es wird nicht allzu langweilig. Felix würde gerne in einer Brauerei arbeiten, ich befürchte aber, dass es nicht so viel Bedarf für Psychologen in dieser Branche gibt. Vor allem braucht die Khan-Bräu-Hausbrauerei sicher keinen Werbepsychologen, und gewiss kann Felix da auch kein Praktikum machen, obwohl er das sehr gerne würde.
Ich schließe meinen heutigen Eintrag unter Genuss einer Dose koreanischen Importbiers und bin gespannt auf morgen. Ein Auto zu mieten ist in diesem Land schier unmöglich, was Felix das Herz herausreißt, aber es muss halt auch so irgendwie gehen.

3.8. - 16. Tag - Camp im Terelj-Nationalpark - 11.47 MESZ+7

Wir haben uns heute direkt nach dem Frühstück von einem Taxi in den Terelj-Nationalpark befördern lassen und sitzen jetzt in einem mal wieder einer Jurte nachempfundenen Camp-Restaurant in Sichtweite des berühmten schildkrötenähnlichen Felsens, den hier alle sehen wollen und der dementsprechend von Touristencamps umlagert ist. Im Moment erwarten wir den Beginn einer sechsstündigen Tour zu Pferde, die uns durch die wunderschöne Felslandschaft führen soll. Felix hat die Preise ausgehandelt, es gibt kein Zurück mehr. Ich schaue meinem ersten längeren Aufenthalt im Sattel mit einigermaßen gemischten Gefühlen entgegen.

3.8 - 16. Tag - »Khaan Buuz«-Café - 20.57 MESZ+7

Der Ausritt war großartig. Mit dem Chef des Campfs (anscheinend), einem anderen Mongolen und einer jungen Mongolin, die als Informatikerin in Singapur arbeitet, ging es Stunde um Stunde über Stock und Stein. Im Moment sitzen wir in einem Betrieb der mongolischen Systemgastronomie, dessen Name soviel wie »König der Fleischtaschen« bedeutet. »Buuz« ist wohl eine mongolische Nationalspeise, eine Art große Ravioli mit einer Füllung aus Lamm und Zwiebeln.

3.8. - 16. Tag - Quartier - 23.06 MESZ+7

Doch weiter zu unserem Ausritt. Ich hätte mir unter einer Reittour für Leute, die noch nie (oder, in meinem Fall, noch nie länger als ein paar Minuten) auf einem Pferd gesessen haben, eine Veranstaltung mit drei zusammengeschirrten Pferden und einem gelangweilten Mongolen, der zu Fuß die Trense hält und uns im langsamsten Schritt über irgendwelche Berge führt, vorgestellt. Stattdessen saßen alle inklusive unserer Führer im Sattel, und es ging in allen drei Gangarten kilometerweit durch die Lande. Reiten habe ich mir immer schwieriger vorgestellt; aber mit den mongolischen Steppenpferdchen, die viel unkomplizierter und lockerer geritten werden, als man das aus Deutschland kennt, und die zudem erfahren und in ständiger Begleitung ihres »Chefs« waren, ist das wohl alles etwas anders als bei uns der erste Ritt wäre.
Die Mongolen hielten uns regelmäßig zu Fotos vor besonders schönen Felsformationen an -wir ritten immerhin durch eine Art mongolisches Monument Valley-, und der Chef erklärte uns essbare Kräuter wie Sauerampfer und wilde Möhre sowie zeigte Jeannette, die er sofort in sein Herz geschlossen hatte, dass man aus Distelköpfen einen Teddybären nähen kann.
Der eindeutige Höhepunkt des Ganzen war aber selbstverständlich die Einkehr in die Jurte einer befreundeten Nomadenfamilie. Das war natürlich keine Prunkveranstaltung wie die Jurten im Chinggiz-Khaan-Camp, sondern eine richtige Familienwohnung. Uns wurde dann ganz klar auch Airag kredenzt, die vergorene Stutenmilch, die als mongolisches Nationalgetränk gilt; bei dieser Familie wurde er stilecht mit einer Plastikkelle aus einem blauen Chemiefass geschöpft.
Wir durften auch den Käse essen, der auf dem Jurtendach trocknete, und die erstaunlichen Reitkünste selbst der allerjüngsten Mongolen bewundern. Wie ein 14jähriger, der eben noch an seinem Handy herumgedaddelt hat, plötzlcih in den Steigbügeln steht und in gestrecktem Galopp davondonnert, ist schon ein Bild.
Erwähnenswert ist noch, dass der Chefmongole bei der Erwähnung unserer deutschen Herkunft sofort die beiden ersten Zeilen von »Stumblin' In« trällerte, und wir genau dieses Lied heute Abend bei der Einkehr im »Brauhaus« (das demselben Deutschen gehört wie der Khan-Bräu-Biergarten) vom dortigen Beschallungsduett hören durften. Vielleicht ist das in der Mongolei ein Hit in der Nina-und-Maik-Version gewesen? Ich weiß es nicht und will es vielleicht auch gar nicht wissen.
Jetzt jedenfalls trage ich meinen überall schmerzenden Körper, vor allem die taubeneigroße Schwellung am Steiß, ins Bett und hoffe, dass es in zwei Tagen besser ist, weil wir dann vielleicht wieder reiten wollen.

4.8. - 17. Tag - »American Restaurant«, Ulaan Baatar - 19.05 MESZ+7

Der heutige Tag war von Anfang bis zum Ende geprägt von den üblen Schmerzen und der schon beim Aufstehen prägenden Abgekämpftheit, die sechs Stunden Reiten bei uns hervorgerufen haben. Wir haben uns mit etwa halbem Schritttempo durch die Stadt bewegt und dabei abwechselnd über unsere gequetschten Steiße, unsere schmerzenden Schenkel, unseren Muskelkater, die sengende Sonne oder den Straßenverkehr beklagt.
Der verdient ohnehin besondere Erwähnung, und wenn der Verkehr hier wirklich wie angedroht harmlos gegen den in China ist, werden wir in Peking jede Menge Spaß haben. Ampeln werden kaum beachtet, für Fußgänger wird nur gebremst, wenn sie schon direkt vor dem Auto stehen und kein Ausweichen mehr möglich ist (gilt auch auf dem Zebrastreifen) und bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit wird gehupt. Dazu spielt mindestens eine der Fußgängerampeln am Sukhe-Baatar-Platz bei Grün in Endlosschleife die Nationalhymne der Mongolei oder zumindest etwas, was wie die ersten Töne davon wirkt.
Über Land ist Autofahren aus anderen Gründen noch abenteuerlicher. Die Fahrt in den Terelj-Nationalpark mit einem ganz normalen Taxi war schon haarsträubend genug; schon da knallte ich bei der einen oder anderen Bodenwelle mit dem Kopf gegen den Dachhimmel. Die Rückfahrt mit dem russischen Militärjeep eines hiesigen Gästehausbetreibers war noch einige Größenordnungen härter, da man von Federung nicht sprechen konnte und die Rückbank mit vier Personen besetzt war. Die Windschutzscheibe hatte Sprünge wie von einem Einschuss, wo angeblich mal ein unvorsichtiger Beifahrer mit der Stirn gegen das Glas geprallt war.
Bei dieser bewussten Rückfahrt lief uns dann auch noch ein Kind vors Auto und verpasste uns einen Schock fürs Leben, kam aber knapp davon.
Unser erstes Ziel heute war der Winterpalast des Bogd Khaan, also des letzten Bogd (Oberhaupt der mongolischen Kirche), der 1911 nach dem Ende der Mandschu-Herrschaft als Khaan auch die weltliche Macht über die Mongolen übernahm. Der Palast bietet vor allem eine Menge buddhistischer religiöser Kunst in Seide, gemalt und appliziert, die erstaunlich an Cartoons (wenn auch rettungslos übertriebene) erinnern.
Später sahen wir noch die Khan-Bräu-Hausbrauerei; der etwas unter Zeitdruck stehende Chef schob uns binnen weniger als 15 Minuten durch die gesamte Anlage, drückte uns gegen Ende drei Halbe Naturtrübes in die Hand und haute dann wieder ab.
Ein anschließender Besuch des Zentralmuseums fiel flach, da die Öffnungszeiten zu knapp waren, also ging es nochmal (zum zweiten Mal für heute) in den State Department Store, wo Jeannette dann endlich ihren ersehnten Kaschmirpullover ... doch nicht kaufte. Die Stimmung in der Gruppe war dann sehr gedrückt.
Für heute haben sich die Wogen aber geglättet, wir trinken koreanisches Importbier ("Hite - Fresh taste beer!") gegenüber dem unglaublichen, grotesken, an das Lenin-Mausoleum in einer aufgeblähten Science-Fiction-Version gemahnenden Klotz des "Hotel Dschingis Khan" und palavern über dieses und jenes. Morgen geht es nochmal in einen Nationalpark.

5.8. - 18. Tag - Quartier in Ulaan Baatar - 22.57 MESZ+7

Das Wunder des Trekkingrucksacks ist ja, dass immer noch was reingeht. Indem man irgendwo irgendwelche Strippen lockert, kann man immer noch ein Fach so weit vergrößern, dass alles reingeht.
Gerade habe ich nämlich für Peking gepackt, wohin uns morgen früh der nächste Schlafwagenzug entführen wird.
Heute morgen ging es auf einen Tipp von der Tourist Information hin los zum Manzujir-Kloster. Wir schnappten uns wie schon einmal den ersten besten Taxifahrer, der bereit war, uns für 250 ₮ pro Kilometer hinzubringen. Und wir fuhren los. Nach größeren Umwegen, mehrmaliger Nachfrage und einem Tankstopp waren wir dann wirklich auf dem Weg. Irgendwann waren wir dann da.
Wir pilgerten in den Park, wie immer in großartiger Landschaft, und nach einem kurzen Stopp in einem merkwürdigen Naturkundemuseum, das hauptsächlich Fischbilder aus Federn und aus Wurzeln geschnitzte Eichhörnchen ausstelt, ging es dann los.
Wir sahen ein riesiges Terrain aus halbverfallenen Terrassen, die alle einmal mit Klostergebäuden bebaut gewesen waren; dazwischen ein 1992 als Museum wieder aufgebauter Tempel.
Darüber, über teilweise äußerst halsbrecherische Pfade zu erreichen, sind diverse Nischen in den Fels gemeißelt beziehungsweise durch kleine Vorbauten geschützt, in denen teils ausgemalte Reliefs buddhistischer Gottheiten zu sehen sind. Vor dem ersten Götterbild mussten wir denn auch schon gleich vor dem Regen Schutz nehmen, und ich muss sagen, dass ich mich noch nie an einem so mystischen Ort, auch noch voller Opfergaben (Geld, Öle et cetera) vor dem Regen untergestellt habe.
Felix ereiferte sich den gazen Tag über die Untaten der Kommunisten, die das Kloster 1937 in der mongolischen Kulturrevolution zerstört haben, und vor allem darüber, dass es fast unmittelbar auf dem Terrain ein (natürlich jurtenförmiges) Touristenrestaurant mit Karaoke-Bar gibt.
Den zweiten Teil des Tages füllten wir mit einer Wanderung das Tal hoch, an dessen, von Findlingen übersäten (der Fachmann sagt "Felsenmeer" dazu) Hängen das Kloster erbaut ist. Wir folgten einem extrem pittoreksen Wildbach, fanden jedoch weder eine Quelle noch den von Felix heißen Herzens ersehnten Bergsee.
Nach einer kurzen Exkursion auf die windigen Hügelkämme erwarteten wir bei Regen, Kälte und Wind in völlig unzureichender Kleidung das für den Rückweg bestellte Taxi. Ein alter Mongole bot uns solange Schutz in seiner Jurte.

6.8. - 19. Tag - Zug nach Peking, in der Wüste Gobi - 14.35 Bordzeit

Endlich wieder im Zug! Diesmal eine äußerst komfortable, plüschige Angelegenheit mit einem Speisewagen voller mongolischer Holzschnitzerei, der sehr nach Prachtjurten aussieht. Diesmal gab es auch wirklich ein Gratisessen, allerdings nicht zur Wunschzeit und auch nicht von allerbester Qualität, aber es gibt Schlimmeres.
Gleich gehe ich mit dem anderen deutschen Pärchen, den beiden Designstudenten, im Speisewagen was essen, Felix und Jeannette schlafen.

7.8. - 20. Tag - Zug kurz vor Peking - 13.49 MESZ+7

Gestern hatten wir noch einigen Spaß im Speisewagen, unter anderem mit Daniel und Liane, die auch so nett waren, mir etwas von einer 10-Teller-Packung Trekking-Kartoffelsuppe abzugeben. Das pfälzische Nationalgericht erinnerte mich doch sehr an die Heimat.
Mitten im Essen wurden dann schon die ersten Formulare verteilt und ich trat den Rückweg ins Abteil an. Diesmal gab es die mongolische Zolldeklaration wenigstens auch auf englisch, aber dafür gab es Probleme mit meinem Pass: Wir haben zwei mongolische Visa, von denen eines ungültig gestempelt ist, weil uns zuerst statt dem gewünschten Doppelvisum ein einfaches ausgestellt worden war. Bei der Einreise waren die Grenzbeamten aber doof genug, bei mir (nicht bei Jeannette oder Felix) den entsprechenden Stempel auf das ungültige Visum zu hauen.
Mein Pass wurde erst mal einbehalten und ich schwitzte eine ganze Zeitlang Wasser und Blut, bis ich den Pass mit einem neuen, roten Nachtragsstempel im Visum zurückbekam.
Den restlichen Halt auf mongolischer Seite bekamen wir herum, und nach all dem Warten und Formulareausfüllen ging es dann nach Erlian, in die Umspuranlage. Mit großem Rums wurde Zug zunächst halbiert, die Wagen entkupelt, die Breitspurdrehgestelle nach Aufbocken herausgefahren und die Wagenkästen auf Normalspurdrehgestelle abgesetzt. Am Bahnsteig in Erlian kam der Zug dann wieder zusammen und man konnte aussteigen.
Der Bahnhof ist pieksauber, die Bahnsteige werden ständig gefegt und die Empfangshalle mit dem LED-Schirm, der Uhren für alle möglichen Zeitzonen und den beiden nagelneuen Gepäck-Röntgenscannern wird unentwegt gebohnert.
Bei einem Schwarzhändler, der kurz darauf von der Polizei unsanft vertrieben wurde, erstanden wir gegen Dollar (mal wieder) Instant-Nudelgerichte und Bier, dann ging es irgendwann auch ins Bett. Irgendwann vor Erlian habe ich auch noch länger mit einer dänischen Studentin des neuen (und bitter nötigen) Faches "Volksgesundheitswissenschaft" über meine Berufsziele und den Sinn von Philosophie geplaudert.
Am Morgen durchquerten wir dann einiges Hügelland und bekamen die Große Mauer zu sehen, wobei uns ein mongolischer Junge, der in China die internationale Schule der pakistanischen Botschaft besucht, wie schon die ganze Fahrt über auf eher anstrengende Weise unterhielt. Er sorgte allerdings auch für glückende Kommunikation mit dem Zugpersonal, so dass wir uns zuweilen über außerplanmäßig geöffnete Toiletten freuen durften.
Dann Ankunft in Peking und herzlicher Abschied von Rick, Daniel und Liane, eine Fahrt im klimatisierten Taxi durch das Hochofenklima und beim Versuch des Eincheckens begann das Drama.
Aus irgend einem Grunde hatte eines drei drei direkt oder indirekt beteiligten Reisebüros unsere Buchung nicht vorgenommen oder zumindest war sie nicht im Computer.
Wir saßen stundenlang in der Lobby herum, Felix telefonierte mit einem Reisebüro in Sankt Petersburg, allgemeine Panik machte sich breit, aber irgendwie hat es dann doch noch geklappt Leider hatten wir so den halben Tag verloren, und unsere einzige Abendbeschäftigung war es, mit der (sehr guten) Beijinger Metro zur Station Qiangmen zu fahren, ein Pekingentenrestaurant aufzusuchen und uns dort die Bäuche vollzuschlagen.

9.8. - 22. Tag - AVIC-Hotel, Beijing - 8.17 MESZ+7

Das führte dazu (in Verbindung mit dem grässlichen Klima), dass ich gestern den ganzen Tag im Bett verbrachte, mit den Symptomen einer leichten Virusinfektion. Zumindest gehe ich davon aus, dass es die Ente war, denn Jeannette, die auch Ente genommen hatte, hat ähnliche Probleme, Felix, der etwas anderes aß, jedoch nicht.
Was haben wir noch gesehen an diesem einen Abend in dieser smogverhangenen Stadt, wo man tagsüber keine 500 Meter weit sehen kann?
Zum Beispiel ein kleines Mädchen, das zum Zwecke des Bettelns apathisch und bewegungslos auf dem Bauch unter einer Decke lag, unter der nur der Kopf und ihre verfaulenden Füße hervorschauten.
Zum Beispiel Straßenhändler, die zirpende Grillen in winzigen Käfigen verkaufen.
Straßen, über die man aufgeständerte Autobahnen gebaut hat und deren Mittelstreifen vollständig für Parkplätze et cetera verwendet wird, so dass man sich wie in einem schlechten Science-Fiction-Film vorkommt (wegen der Autobahnen) und Hunderte Meter weit gehen muss, um die Straße zu überqueren (wegen der Parkplätze). Wir haben hier tatsächlich ein Schild "Nächster Fußgängerüberweg: 300 m" sehen können.
Des weiteren habe ich mir in einem gleißenden Elektronikladen auf der Qiangmen Dajie noch eine SD-Karte für meine Kamera gekauft, obwohl ich nicht weiß, ob das sinnvoll ist, da ich ja jetzt nur noch einen Tag in Beijing habe.

9.8. - 22. Tag - AVIC-Hotel - 22.45 MESZ+7

Es hat sich herausgestellt, dass es reiner Nepp war, die Karte zu kaufen. Wie quasi jeder Kauf in den jahrmarktsartigen Straßen dieser Stadt musste ich feilschen bis zum Abwinken. Ich war allerdings zu blöd, die Karte auch im Laden auszuprobieren - selbst mehrstündige Formatierversuche blieben fruchtlos, ich habe die Karte wohl schon defekt gekauft.
Bemerkt habe ich das heute mitten in der Verbotenen Stadt, was nun die einzige Sehenswürdigkeit ist, die ich hier ernsthaft besichtigt habe. Es handelt sich um einen der überlaufensten Orte, die ich je gesehen habe, die Touristenmassen drängen sich wie Tiere, um durch die Absperrungen in die langweiligen, immer gleichen Interieurs der Prunkhallen hineinzufotografieren.
Den Rest des Tages verbrachten wir mit Essen und Einkaufen. Ich habe zwei kleine Teekannen für umgerechnet 2 € und 50 Gramm Jasmintee erster Klasse für zirka 10 € erstanden, außerdem Proviant für den Zug und leckere kandierte Früchte.
Irgendwie bin ich froh aus diesem diesigen, stinkenden, schweißfeuchten Loch von einer Stadt herauszukommen. Morgen um 7.40 fährt unser Zug, und ich hoffe, dass es ein guter Zug sein wird.
Immerhin werden wir darin fast eine Woche lang unterwegs sein, und das Letzte, was ich gebrauchen kann, sind permanent nörgelnde Mitreisende.

Ich will nach Hause. Ich will zurück nach Marburg, und zurück zu Anne.

10.8. - 23. Tag. - Grenzbahnhof Erlian - 23.21 MESZ+7

Das Auschecken und der Transfer zum Bahnhof heute Morgen sind stressfrei verlaufen.
Im Bahnhof dann Flughafenatmosphäre. Das Gepäck muss direkt an der Tür durch Scanner, dann geht es per Rolltreppe in einen nummerierten Wartesaal mit gelben Schalensesseln, von dort über eine futuristische Brücke zum Bahnsteig. Die ex-sowjetischen, das heißt, DDR-Reisezugwagen bildeten einen krassen Kontrast zu den vielen LED-Schirmen, zu Stahl und Glas. Unser Wagen ist unklimatisiert, dafür tuckert über dem Fenster des Abteils ein geschätzte 40 Jahre alter Schwenkventilator vor sich hin, was sich anhört, als mähe draußen jemand Rasen. Bei der Abfahrt war das Ding defekt, aber unser äußerst netter chinesischer Schaffner rief sogleich einen Bordtechniker mit dem Namensschild "REPAIRMAN 52" herbei, der den Ventilator im Nullkommanichts mit seiner Flachzange in Gang brachte.
Wir hatten heute noch zwei freie warme Mahlzeiten im Speisewagen, bei deren erster ich einen Briten ausgerechnet aus Worthing kennenlernte. Dass ich den Ort und Sussex überhaupt kannte, fand er sehr überraschend. Von ihm lernte ich auch, dass wohl so ziemlich jeder Probleme mit der Peking-Ente hat. Es soll etwas bringen, in jeden Pfannkuchen eine Knoblauchzehe einzurollen; ihn hat das vor einer Magenverstimmung bewahrt. Sowas sollte im Reiseführer stehen!
Ansonsten die übliche Ereignislosigkeit von Zugfahrten. In der Wöste kurz vor der Grenze wehte der Wind Staub herein, wir mussten die Fenster schließen und das Zugpersonal auf dem Gang begann durch Tücher zu atmen. Beim Umspuren durften wir diesmal die Wagen verlassen und zuschauen, wie die Drehgestelle wie ein kleiner Zug unter den Wagenkästen heraus- und neue gleichermaßen hereingerollt wurden. Dazu haben die Dinger sogar kleine Puffer.
Nach der Zollkontrolle warten wir jetzt auf die Abfahrt Richtung Mongolei. Ich möchte hauptsächlich schlafen.

12.8. - 25. Tag - Eisenbahn am Baikalufer - 13.29 MESZ+7

Kein Eintrag für gestern, wegen überwältigender Ereignislosigkeit. Wir haben bis zum Mittag geschlafen; unsere "Mitbewohnerin", eine Russin, die eine australische Reisegruppe von Hongkong nach Sankt Petersburg begleitet, stieg in Ulaan Baatar samt ihrer Versammlung videofilmender Frührentner aus. Den Rest des Tages fuhren wir bei wunderbarem Licht durch die mongolische Steppe. Der russischgrüne Zug mit den beiden dunkelroten Diesellokomotiven auf der eingleisigen Strecke durch die "Prärie" nahm sich in der tiefstehenden Sonne geradezu amerikanisch aus zwischen all den freilaufenden Pferden und den grasenden Kühen.
Die Grenzkontrollen an der mongolisch-russischen Grenze gestalteten sich gewohnt langwierig, aber mittlerweile sind wir ja abgehärtet.
Ein paar bärbeißige russische Vollproleten müssen beim Halt in Nauschki auch äußerst grob und rassistisch mit unserem chinesischen Schlafwagenschaffner umgegangen sein. Dieser Schaffner ist äußerst nett, ein kleinerer Mann vielleicht Anfang 60, der uns in der Umspurhalle aus dem Zug ließ und uns schon mehrfach mitteilte, wo wir gerade sind; und wir sind uns einige, dass in Reisesprachführern ein Satz wie "Das waren vielleicht Deppen, oder?" stehen müsste, denn in so einer Situation möchte man doch gerne irgendwie mitteilen, dass man Anteil nimmt und das Verhalten der Idioten missbilligt.
Seit Ulaan Baatar ist das vierte Bett in unserem Abteil unbesetzt und wir erfreuen uns ungekannt freier Räume. Leider macht sich auch drückende Langeweile breit. Ich habe im Gegensatz zu meinen Mitreisenden wenigstens meine über 1000 Seiten Habermas, aber leider lässt sich der nicht einfach so herunterlesen wie ein Roman. Im Abteil riecht es durchdringend nach "Essential Balm - Dragon & Tiger", einer Art chinesicher Kampfersalbe, die Jeannette in der Hotelapotheke in Beijing als Kopfschmerzmittel verschrieben bekommen hat und von dem die beiden sich nochmal einige Tiegelchen gekauft haben.

12.8. - 25. Tag - Zug vor Nizhneudinsk - 23.00 MESZ+7

In Irkutsk haben uns auch das Lehrerehepaar aus Oregon (oder Seattle, ganz verstanden habe ich das nicht) sowie der Weltreisende aus Worthing verlassen. Alle drei haben übrigens im mongolischen Speisewagen, wo in der Speisekarte keine Preise stehen, den Fehler gemacht, das Standard-Mittagessen zum Mondpreis von 16 US$ (ja, sechzehn!) zu nehmen. Ich bin froh, dass ich das nicht gemacht habe, ich hätte kein Geld gehabt, es zu bezahlen.
Im neu angekuppelten russischen Speisewagen habe ich vier Brieten und zwei iren kennengelernt. Vielleicht wird es mit denen noch lustig?
Die chinesischen Schaffner kochen gerade mal wieder ein Hühnerbein auf dem kleinen Kohleherd, der neben dem Feuerloch des Wagenheizkessels montiert ist. Unser Wagen hat nur 28 Plätze und somit zwei Dienstabteile mehr als der Standard; diese dienen wohl als Aufenthaltsräume für die dienstfreien Zugbegleiter. Eine durchweg äußerst sympathische Truppe; so stelle ich mir eine langjährig eingespielte Mannschaft auf einem Seefrachter vor.

14.8. - 27. Tag - Zug hinter Perm - 20.31 MESZ+4

Wieder ein Tag ohne Eintragung wegen grenzenloser Ödnis. Soviel Habermas, wie ich lesen müsste, um der Langeweile hier Herr zu werden, kann ich gar nicht ohne Pause lesen.
Wenigstens habe ich ein paar Mitreisende aus Derby, England, beziehungsweise Cork, Irland, kennengelernt. Getrunken habe ich mit ihnen nicht; das Bier im Speisewagen ist alles andere als billig und von meinem Geld müssen sich auch meine Mitreisenden ernähren, da diese etwas sehr knapp mit ihren Rubeln kalkuliert haben. Ich vertreibe mir die Zeit damit, letzte Eisenbahnfotos zu machen und technische Fragen zu notieren, die ich in den Eisenbahn-Newsgroups stellen möchte. Vielleicht haue ich auch doch noch 70 Rubel für ein Bier im Speisewagen auf den Kopf, wer weiß?
Übrigens hat sich das, was ich in Ulaan Baatar im Glauben gekauft habe, es sei Kaltgetränkepulver, als Götterspeise entpuppt. Ich habe jetzt eine zur Unkenntlichkeit deformierte PE-Flasche, die eine Art äußerst dünnflüssigen Geleepudding enthält. "КИСЕЛ" scheint wohl mehr als eine Bedeutung zu haben.

Hier bricht mein Reisetagebuch ab.
Was noch zu ergänzen wäre: Ich habe mit zwei Engländerinnen und einem Politikprofessor aus Ohio, der früher in Al Gores Stab im Weißen Haus gearbeitet hat, in unserem Moskauer Hotel noch einige viele Biere getrunken. Transfer zum Flughafen, Rückflug nach Düsseldorf und Zugfahrt nach Marburg verliefen reibungslos. Erwähnenswert ist noch, dass die Freundlichkeit der DB-Angestellten am Düsseldorfer Hauptbahnhof uns nach unserer Reise ebenso märchenhaft erschien wie das an einen fliegenden Teppich erinnernde Fahrgefühl in einem luftgefederten Doppelstockwagen auf durchgehend geschweißtem Gleis.
Zu Felix und Jeannette habe ich heute keinen Kontakt mehr.



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