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schicht im schacht

»Bisweilen trägt der daraus resultierende Versuch, der wiederentdeckten Unterschicht die Schuld an ihrem Schicksal zuzuschreiben, fast schon absurde Züge. Wenn etwa die neuen Bürgerlichen beklagen, dass Unterschichtangehörige sich selbst um ihre Chance auf gesellschaftliche Teilhabe brächten, weil sie sich nur von ungesundem Fast Food ernährten, zu viel Alkohol tränken, Privatfernsehen schauten und ihre Kinder nicht vernünftig erzögen. Während die wackeren Proletarier früherer Zeiten natürlich ihren Körper beim Sport stählten, sich pausenlos in Lesehallen weiterbildeten, im Arbeitergesangsvereinen die Fahne hoch hielten und ihre Kinder niemals ohne Pausenbrot in die Volksschule schickten.

Man wünscht die Herren Wüllenweber und Di Fabio in eine Zeitmaschine, die sie zurückbefördert ins Deutschland der fünfziger Jahre. Sie könnten sich dann selbst davon überzeugen, wie die Handlanger auf den unzähligen Baustellen des Wirtschaftswunders in der Frühstückspause die "Frankfurter Allgemeine" aufschlagen und vergnügt ihre Rohkostsalate futtern. Wie Frauen am Zahltag ihre Männer am Werkstor abholen, damit die den Inhalt der Lohntüte nicht gleich wieder für frischgepresste Fruchtsäfte verprassen; und wie die Näherin von der Fabrik nach Hause eilt, um ihre Kinder mit einem gekonnten Medley aus Schubert-Liedern in den Schlaf zu singen.«
(Christian Rickens; Buchauszug bei Spiegel Online)

Sehr lesenswerter Artikel. Immer, wenn ich die Hoffnung in SPON nahezu los geworden bin, zeigt sich doch wieder ein Silberstreif am Horizont - wie zum Beispiel dieser Aufweis, dass Knallchargen wie Gabor Steingart doch noch nicht komplett die Macht an sich gerissen haben.
Viel klarer kann man es nämlich nicht mehr sagen: Die Propheten des tollen neuen liberalkonservativen, zivilgesellschaftlich rundherum Eigenverantwortung übernehmenden, privatversicherten, steuererleichterten und deregulierten Bildungsbürgertums sehen sich gezwungen, jenem Teil der Gesellschaft, für dessen Beteiligung am Wohlstandszuwachs sie keine Lösungen haben, faktisch die Menschlichkeit abzusprechen.
Disziplinlos, kulturlos hässlich, selbstzerstörerisch, von Arschgeweihen und Piercings verunziert, süchtig und promisk, ganz entsetzlich unprotestantisch, das kann ja gar nicht mehr nur depriviert, das muss ja degeneriert sein! Man nehme ihnen die Kinder weg, am besten noch bevor sie dem verderbten ganztägigen Einfluss von Privatfernsehen und raubkopierten PlayStation-Spielen ausgesetzt werden, und verteile sie auf geburtenschwache, aber kulturvolle Akademikerhaushalte. Die ältere Generation lässt sich vor dem alkoholbedingten Ableben eventuell noch zu einfacher Hausarbeit in den Vorstadtbungalows freiberuflicher Zeit-AbonnentInnen heranziehen, die die so eingesparten Stunden zur Gründung neuer Bürgerstiftungen verwenden können. Wäre doch was.
22.11.06 19:54
 



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